13.04.2017 - Daniela Bender

“Danke, Frau Müller.”

Foto: Hände„Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag. Schreib mal was darüber!“ – So fangen normalerweise längere Recherchen zu einem Blogbeitrag an. Insbesondere dann, wenn man selbst nicht von der Parkinson-Krankheit betroffen ist und auch niemanden kennt, der daran leidet. Ich kenne aber jemanden, daher spare ich mir die Recherche und will euch anstatt dessen etwas über Frau Müller erzählen. Darüber wie es sich anfühlt, einen Menschen kennenzulernen, der an der Parkinson-Krankheit leidet.

Ich traf Frau Müller vor mehr als 20 Jahren. Zu dieser Zeit habe ich am Wochenende in einem Duisburger Altenheim als Aushilfe gearbeitet, um mein Taschengeld aufzubessern und für den Führerschein zu sparen. Zu meinen Aufgaben dort gehörte es, die Bewohner des Heims zu den Mahlzeiten zu begleiten und das Personal bei einfachen Pflege- und Betreuungsarbeiten zu unterstützen. Ich war damals 17 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit dem Thema Parkinson-Erkrankung in Berührung kam.

Es gab dort eine Bewohnerin, die mir zunächst wegen ihrer seltsamen Art, sich zu bewegen auffiel: Frau Müller. Sie lief meist vornübergebeugt und ihre Arme schwangen dabei unkoordiniert hin und her. Einfachste Bewegungsabläufe waren für sie nicht möglich. Selbst beim Stillsitzen und Stehen schlackerte und zitterte ihr ganzer Körper. Dass es sich bei diesen Symptomen um die Parkinson-Krankheit handelte, erfuhr ich erst viel später.

Parkinson wird im Volksmund auch „Schüttellähmung“ genannt. Die degenerative Erkrankung tritt typischerweise erst nach dem 65. Lebensjahr auf. Etwa 15 % der Erkrankten sind jedoch von einem bereits vor dem 50. Lebensjahr einsetzenden „Jugendlichen Parkinson“ betroffen. Parkinson-Patienten leiden unter neurologischen Störungen des Bewegungsapparates. Dazu gehören Symptome, wie:

  • Zittern
  • Unbeweglichkeit der Gliedmaßen
  • Beeinträchtigung des Gleichgewichts und der Koordination
  • Verlangsamung der Bewegungsabläufe oder Bewegungslosigkeit

Die Symptome werden verursacht, da im Mittelhirn die Nervenzellen absterben, die Dopamin produzieren. Dopamin ist an der Kommunikation zwischen den Zellen beteiligt, die die Bewegung steuern. Ein verminderter Dopaminspiegel führt zum Auftreten der Symptome des Idiopathischen Parkinson-Syndroms.

Frau Müller war 69 Jahre alt und lebte im Pflegeheim, weil das selbständige Führen eines Haushalts für sie – wegen ihrer Parkinson-Erkrankung – nicht mehr möglich war. Sie war groß und schlank, war geschieden und hatte drei Kinder, die sie jedoch nur selten besuchten.

Das Sprechen fiel ihr oft schwer und sie selbst haderte damit am meisten. Oft lächelte sie einfach nur ein wenig gequält, wenn ich sie in den Speisesaal begleitete. Ihre Sprache war verwaschen und meist konnte man sie kaum verstehen. Doch es gab auch Tage, an denen die Krankheit ihr Raum und Möglichkeit für normale Bewegungsabläufe und manchmal auch Zeit ein Gespräch ließ. Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich anfangs darüber wunderte, dass es Phasen am Tag gab, in denen sie fließend von früher erzählte und dabei auch kaum zitterte. Dann gab es wieder Tage, an denen ein Gespräch unmöglich war. „Das sind die Wirkungsschwankungen der Medikamente“, sagte mir ein Betreuer damals. „Mit zunehmender Krankheitsdauer lässt irgendwann leider die Wirksamkeit nach und die Symptome der Krankheit schreiten weiter voran.“

Die Symptome der Krankheit, damit war vor allem ein willkürliches Wechselspiel zwischen Steifheit der Gliedmaßen und zitternden Überbewegungen gemeint. An manchen Tagen konnte sich Frau Müller kaum bewegen lag stocksteif in ihrem Bett. An anderen Tagen wiederum war es sogar möglich, eine kleine Runde mit ihr durch den Park zu laufen. Ich sprach immer besonders langsam und laut, wenn ich mich mit ihr unterhielt. Ich erinnere mich noch genau daran, dass sie mir irgendwann mal sagte, dass dies nicht nötig sei. Sie sei weder schwerhörig, noch dumm. Ich war peinlich berührt. Seit diesem Tag erzählte ich ihr manchmal einfach von meinen Fahrstunden, etwas aus der Schule oder was ich so vorhatte, auch wenn sie einen schlechten Tag hatte und keine Antwort geben konnte.

Sonntags aß sie besonders gerne süßes Weißbrot mit Erdbeermarmelade. Und ein weichgekochtes Ei. Das durfte nicht fehlen. Meistens bereitete ich ihr das Frühstück mundgerecht zu. Ich machte aus zwei Brotscheiben einen Doppeldecker und schnitt das Brot in kleine, viereckige Stücke, damit sie es selbst besser greifen und zum Mund führen konnte. Und das Ei? Nun, meistens zog ich sie nach dem Frühstück einfach noch einmal um.

Ich mochte sie immer ganz gerne und mir fiel der Abschied damals schwer, als die Zeit des Nebenjobs vorbei war. In Kontakt blieben wir dennoch nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich in den letzten zwanzig Jahren auch nicht wirklich oft an sie gedacht. Und doch hat die Bekanntschaft mit ihr einen Eindruck hinterlassen, der selbst Jahre später noch sehr lebendig ist.

Warum ich das erzähle? – Parkinson ist eine eher seltene Erkrankung und Frau Müller ist seitdem der einzige Mensch, den ich persönlich kennengelernt habe, der an der dieser Krankheit litt. Durch sie bin ich zum ersten Mal mit den Symptomen der Erkrankung hautnah in Berührung gekommen. Von ihr habe ich gelernt, offen und ganz normal auf Menschen zuzugehen. Selbst dann, wenn sie an einer sehr seltenen Erkrankung mit sonderbaren Symptomen leiden. Danke, Frau Müller!

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